archiv

 

Archiv-Übersicht | Texte | Grafiken | Leserfragen | 2006 | 2007 | 2008

 

Leserfragen zur Geld- und Zinsproblematik

| 1 | 2 | 3 |

 

»

Ist die Hortung von Bargeld wirklich eine nennenswerte Grösse?

 

»

Wo sind die 600 Milliarden Euro geblieben, die in den letzten zwei Jahren an den deutschen Börsen "verdampft" sind?

 

»

Es erscheint mir unwahrscheinlich, dass irgendwer größere Geldmengen "hortet", statt zumindest ein paar Euro Zinsen dafür zu erhalten.

 

»

Besteht nicht die Gefahr, dass bei einem Rückgang des Zinses auf 0% der Wille zur Bildung und Bewahrung von Kapital nachlässt?

 

»

Wieso konnte in Japan der Zinssatz auf 0% fallen, obwohl dort keine Geldumlaufgebühr eingeführt wurde?

 

»

Warum soll eine Geldumlaufgebühr nicht auch auf Börsengewinne und Kapitalanlagen erhoben werden?

 

»

Soll eine Geldumlaufgebühr nur auf Bargeld oder auch auf Girokontenbestände erhoben werden?

 

»

Wenn man die Möglichkeit eines Zinses gegen null fordert, wird oft mit dem Hinweis auf Japan gekontert. Dort könnte man sehen, wohin das führt.

 

»

Kann sich gespartes Geld ohne Geldschöpfung vermehren?

 

»

Warum nehmen die öffentlichen und privaten Verschuldungen dauernd zu?

 

 

»

Ist die Hortung von Bargeld wirklich eine nennenswerte Grösse?

 

Helmut Creutz: "Wie man heute weiss, war vor der Euro-Einführung rund ein Drittel der DM-Bargeldbestände im Ausland gehortet und ein weiteres Drittel im Inland, vor allem in kriminellen und Schwarzen Kassen. Bei den Banken brauchen wir eine solche Hortung kaum zu befürchten. Sie leben vom Weiterverleihen und würden sich mit einer Hortung des Geldes selbst am meisten schädigen."

 

»

Wo sind die 600 Milliarden Euro geblieben, die in den letzten zwei Jahren an den deutschen Börsen "verdampft" sind?

 

Helmut Creutz: "Zunächst: Aktien sind niemals Geld, sondern sie werden nur mit Geld erworben bzw. gegen Geld wieder verkauft. Wenn Sie für 100.000 Euro Aktien besitzen und Sie nach einem Kurseinbruch nur noch 40.000 Euro dafür wiederbekommen, dann sind die "fehlenden" 60.000 Euro ja nicht "vernichtet" worden - die hat jetzt nur jemand anders. Und wie bei jedem Kauf oder Verkauf verändert sich damit nicht die umlaufende Geldmenge, unabhängig davon, ob man beim Kaufvorgang Gewinne oder Verluste macht. Was in den letzten Jahren an den Börsen "verdampft" ist, war also kein Geld, sondern hochgerechnete spekulative Hoffnungen auf einen möglichen Geldgewinn, den man bei einem rechtzeitigen Verkauf hätte machen können! Kurz: So wenig wie bei Preiseinbrüchen in den Läden Geld vernichtet wird, so wenig ist das auch an den Börsen der Fall. Das heisst, es gibt zwar Verluste bis hin zum Ruin von einzelnen Börsenteilnehmern, aber eine Vernichtung  oder "Verdampfung" von umlaufendem Geld findet nicht statt."

 

»

Es erscheint mir unwahrscheinlich, dass irgendwer größere Geldmengen "hortet", statt zumindest ein paar Euro Zinsen dafür zu erhalten.

 

Helmut Creutz: "Der Geldentzug aus dem Umlauf wird häufig angezweifelt. Jedoch hat die Bundesbank bereits vor 10 Jahren ermittelt, dass sich 1/3 der herausgegebenen Geldscheine im Ausland befindet. Bankinsider schätzen, dass von dem Rest noch mal etwa ein Drittel in Deutschland gehortet wird, vor allem in kriminellen und Steuerhinterziehungskassen. Problematischer - weil unberechenbarer - sind jedoch die kurzfristig schwankenden Geldhortungen, die - statistisch nachweisbar - bei sinkenden Zinsen auf- und bei steigenden Zinsen wieder abgebaut werden. Die Konsequenzen erleben wir seit etlichen Jahren in Japan."

 

»

Besteht nicht die Gefahr, dass bei einem Rückgang des Zinses auf 0% der Wille zur Bildung und Bewahrung von Kapital nachlässt?

 

Helmut Creutz: "Solange wie Kapital knapp ist, ist auch ein positiver Zins als "Knappheitsgewinn" gerechtfertigt, da er zum Sparen und zur Sachkapitalbildung anregt. Bei Waren würde ein "Knappheitsaufschlag" über die Vermehrung des Angebots und den Wettbewerb sehr rasch zu seinem Abbau führen. Beim Geld jedoch kann dieser Knappheitsgewinn - wie bei einem Monopol - einfach durch eine Verweigerung des Angebots selbst dann noch aufrecht erhalten werden, wenn wir, wie heute der Fall, im Geld förmlich schwimmen.

Würde das Kapital unter dem gleichen Angebotszwang wie Arbeit und Güter, würde der Zins schon seit Jahrzehnten um die Nullmarke pendeln, zumindest in unseren Breiten. Auch in der übrigen Welt hätte sich das überschüssige Geldkapital schon seit langem zu niedrigeren Sätzen anbieten müssen. Und würde im Zuge neuer Innovationen oder ähnlicher Gründe die Nachfrage irgendwo und irgendwann das Angebot übersteigen, würde sich, zusammen mit den auflebenden "Knappheitsgewinnen", vorübergehend auch wieder ein positiver Zins bilden können.

Die Annahme, dass bei einem Zinssatz von 0% jeder sein Haus oder Unternehmen verkauft, ist nicht zu befürchten, so lange man bei anderen Anlagen keine höheren Zinsen erhalten kann. Im übrigen würden durch Verkäufe weder die Häuser noch die Fabriken verschwinden, also auch beim neuen Besitzer weiter nutzbar sein. Und so lange diese Sachgüter ihre Kosten einbringen, einschließlich Abschreibung, Unternehmerlohn und betriebsnotwendigem Gewinn, sind sie auch ohne Zinsen wirtschaftlich."

 

»

Wieso konnte in Japan der Zinssatz auf 0% fallen, obwohl dort keine Geldumlaufgebühr eingeführt wurde?

 

Helmut Creutz: "Die Freiwirtschaftslehre besagt, dass die Zinssätze mit zunehmenden, überschüssigen Geldvermögen gegen null fallen werden, wenn man die Geldzurückhaltungen durch eine Umlaufsicherung mit Kosten belegt. Diese heute möglichen Geldzurückhaltungen und damit Geldverknappungen verhindern jedoch ein solches marktgerechtes Absinken der Zinssätze, da es ab einer bestimmten Zinsgrenze von etwa 2-3% zu einer wachsenden Geldzurückhaltung kommt. Der damit verbundene Entzug von Zahlungsmitteln führt entweder zu einem Wiederanstieg der Zinsen oder - wie in Japan - beim Unterschreiten der kritischen Zinsgrenze zu einer deflationäre Rezession. Denn auf Grund der immensen Geldhortungen kommt es zu Nachfrageeinbrüchen und Rückgängen von Investitionen und schließlich zu fallenden Preisen. Ein Herauskommen aus dieser deflationären Lage ist nur sehr schwer möglich, wie die gescheiterten Versuche in Japan zeigen. Selbst mit Zinssätzen von 0% ist dann die Wirtschaft nicht zu mobilisieren. Nicht nur, weil bei solchen Zinssätzen niemand sein Geld zur Bank bringt, sondern vor allem, weil die Geldhortung durch den Preisverfall sogar noch belohnt wird (weil man morgen fürs gleiche Geld mehr bekommt).

Mit anderen Worten: Bei der heutigen Umlaufsicherung durch positive Zinsen führt ein Absinken der Zinssätze gegen Null zu katastrophalen Wirtschaftslagen, bei einer zinsunabhängigen Umlaufsicherung dagegen zu einem wirtschaftlichen Optimum."

 

»

Warum soll eine Geldumlaufgebühr nicht auch auf Börsengewinne und Kapitalanlagen erhoben werden?

 

Helmut Creutz: "Die Geldnutzungsgebühr hat die Aufgabe, über einen verstetigten Geldumlauf die Geldmengensteuerung und Kaufkraftstabilität zu optimieren, sowie über eine vermehrte Geldfreigabe die Zinsen abzusenken. Mit diesem Absenken der geldbezogenen Zinssätze werden sich automatisch auch die davon abgeleiteten Zinsen aus Kapitalanlagen zurück entwickeln. Denn z.B. kaum ein Vermieter kann noch eine Baukostenverzinsung von 5 oder 6% beanspruchen, wenn die Mieter zum Kauf einer Eigentumswohnung bei den Banken Hypotheken für 2% erhalten können.

Die in der Frage angesprochenen Gewinne an den Börsen, werden - soweit die Dividenden gemeint sind - sich ebenfalls den Zinssätzen anpassen. Darüber hinausgehenden Spekulationsgewinne betreffen jedoch - ähnlich wie bei Spielbanken oder Wetten - im Normalfall nur andere spekulierende Mitspieler. Sie sind also kein volkswirtschaftliches Problem bzw. keine Frage ungerechter Umverteilung."

 

»

Soll eine Geldumlaufgebühr nur auf Bargeld oder auch auf Girokontenbestände erhoben werden?

 

Helmut Creutz: "Diese Frage wird kontrovers diskutiert. Ich halte es für erforderlich, die Geldumlaufgebühr auf alle Zahlungsmittel zu beziehen, also auf Bar- und Giralgeld. Damit würden alle Geld-Überschüsse den Banken zur Kreditvergabe überlassen und der Druck auf die Zinsen vergrößert. Für langfristige Geldanlagen würde keine Gebühr erhoben."

 

»

Wenn man die Möglichkeit eines Zinses gegen null fordert, wird oft mit dem Hinweis auf Japan gekontert. Dort könnte man sehen, wohin das führt.

 

Helmut Creutz: "Niedrige Zinsen sind nur dann positiv, wenn mit ihnen keine Geldzurückhaltungen verbunden sind, denn Geldzurückhaltungen führen zu Rezessionen und Deflationen. Genau das aber ist in Japan in einem erschreckenden Mass der Fall.

Eingeleitet wurde dieser Rezessionsprozess bereits vor zehn Jahren durch eine irreale Bodenspekulation. Dabei stiegen die Spitzenpreise im Zentrum Tokios bis zu einer Million Euro/qm an und der Bodenwert ganz Tokios auf den der ganzen USA. Obwohl die Banken bei Kreditvergaben vorsichtig waren, entstanden riesige Verluste und Zahlungsunfähigkeiten, als die Bodenwerte wieder auf weniger als ein Fünftel zusammenbrachen.

Im Zuge dieser Bodenwertverluste kam es auch zu Preiseinbrüchen in anderen Bereichen. Und zeigen dann die Preise einmal nach unten, nimmt die Geldzurückhaltung zu, in der Hoffnung auf noch größere Preisvorteile in der Zukunft. Verstärkt wurde dieser Einbruch der Nachfrage noch durch Geldabhebungen von den Konten, weil die Japaner ihre Ersparnisse vor weiteren Bankpleiten retten wollten. In welchem Masse Geld aus dem Verkehr gezogen wurde, lässt sich an dem Absatz von Tresoren messen, der sich in Japan in den letzten Jahren verdoppelt hat.

Aufgrund der Verknappungen der Bankeinlagen mussten eigentlich die Zinsen wieder ansteigen. Doch als Folge der schwachen Nachfrage besteht auf Unternehmerseite kein Investitionsinteresse. Außerdem sind die Banken wegen ihrer Kreditausfälle und Liquiditätsschwäche bemüht, ihr knapp gewordenes Geld in der Kasse zu halten. Kurz: Die niedrigen Zinsen in Japan sind kein Signal positiver Sättigungsprozesse, sondern Zeichen gefährlicher deflationärer Entwicklungen, so wie umgekehrt hohe Zinsen im allgemeinen inflationäre Entwicklungen signalisieren."

 

»

Kann sich gespartes Geld ohne Geldschöpfung vermehren?

 

Helmut Creutz: "Geld sparen heißt Einkommen nicht ausgeben. Das gesparte oder Nicht-Ausgegebene kann man entweder im Küchenschrank ansammeln oder bei einer Bank einzahlen. Sammelt man es zu Hause an, entzieht man das gesparte Geld dem Kreislauf. Die Bundesbank muss dann, zur Behebung des Geldmangels, zusätzliches Geld drucken, also schöpfen. Zahlt man das übrige Geld dagegen bei einer Bank ein, wird es über Kredite an andere weiter verliehen.

Was sich bei der Bank mit jeder Einzahlung oder Überweisung vermehrt, ist also nicht die Geldmenge, sondern nur das sich ergebende Guthaben und damit der Anspruch auf Rückerhalt des Gesparten. Will man das Gesparte - "sein Geld" - wieder haben, muss die Bank das Ausgeliehene vom Kreditnehmer zurückverlangen bzw. ihre Neuausleihungen reduzieren. Das heißt, nur beim Sparen zu Hause muss die Bundesbank das Geld vermehren. Die Sparvorgänge bei Sparkassen und Banken bewirken keine Vermehrung der Geldmenge und erfordern deshalb auch keine zusätzliche Geldschöpfung. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Gesparte aus Arbeitslohn, Schenkungen oder Zinsgutschriften besteht. In allen Fällen ergibt sich nur eine Besitz- bzw. Einkommensumverteilung, die jedoch nichts an der Geldmenge verändert."

 

»

Warum nehmen die öffentlichen und privaten Verschuldungen dauernd zu?

 

Helmut Creutz: "Schulden kann man immer nur bei jemanden machen, der Geld dafür zur Verfügung hat. Das heißt, Schulden können immer nur im Gleichschritt mit sich ansammelnden Geldvermögen wachsen! Doch diese ständig wachsenden Geldvermögen bieten nicht nur die Möglichkeit zu weiteren Verschuldungen, sondern zwingen geradezu dazu! Dieser Notwendigkeit zur Verschuldung resultiert einmal aus dem Tatbestand, dass Staat und Wirtschaft die Lücken in den Kassen schliessen müssen, die durch die Zinszahlungen entstehen. Vor allem, wenn das Wirtschaftswachstum - wie bei uns seit ca. den 1960er Jahren - die Summe der Zinszahlungen nicht mehr ausgleichen kann. Ein weiterer Grund ist die Vermeidung von Kreislaufunterbrechung, hervorgerufen durch einen Geldmangel. Dieser führt zu Rezessionen und Deflationen.

Sind Unternehmen und Privathaushalte nicht ausreichend zu weiteren Verschuldungen bereit, "dann muss der Staat das am Markt entstehende Kapitalüberangebot aufnehmen, weil anderenfalls eine deflationäre Wirtschaftsentwicklung einsetzen würde", wie Rüdiger Pohl, einer der "fünf Weisen", bereits vor Jahren in einem ZEIT-Artikel schrieb. Alles Gerede von Haushaltskonsolidierungen und Sparzielen täuschen also die Bürger über die wahren Zusammenhänge.

Entscheidend für die Schuldeneskalation ist also das Überwachstum der Geldvermögen, und für beides die Zinssätze, die seit Jahrzehnten über den Wachstumsraten der Wirtschaft liegen. Ursache dieser immer über null bleibenden Zinssätze ist wiederum der Tatbestand, dass sich die Zinsbildung, im Gegensatz zu allen anderen Marktpreisen, den Kräften von Angebot und Nachfrage entziehen kann. Denn sinkt der Zins unter eine bestimmte Marke, haben die Geldhalter kein Interesse, ihr Geld anzubieten und verhindern damit ein weiteres marktgerechtes Absinken des Zinses. Als Folge dieser künstlichen Verknappungsmöglichkeit erhält das Geldkapital auch dann noch selbstverständlich Zinsen, wenn diese aufgrund des Überwachstums der Geldvermögen und der Sättigung der Märkte eigentlich gegen null tendieren müssten. Und fällt der Zins trotz Knapphaltung noch weiter, weil die lukrativen Investitionen nicht im gleichen Tempo wie die Geldvermögen zunehmen, dann weicht das Geld in Börsen- oder Bodenspekulationen aus, an deren Ende deflationäre Rezessionen drohen."

 


| 1 | 2 | 3 |



 
zurück

Leserfragen zur Geld-
und Zinsproblematik

02